Erstellt am 22.04.2010
Das Buch "...so auch auf Erden" erschien mit einem Beitrag von Ingrid Sieverding
"Unser tägliches Brot gib uns heute"Täglich wird das Vater unser von Christinnen und Christen in allen Sprachen der Welt gebetet. Es verbindet Generationen und Konfessionen.
Der Arbeitskreis „Pastorale Grundfragen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken hat seine Sichtweise der ökumenischen Gegenwart mit einer Auslegung des Vater unser verbunden, die im vorliegenden Band mit Blick auf eine erneuerte ökumenische Praxis konkretisiert wird: Über 40 Autorinnen und Autoren zeigen auf, welche Chancen das Vater unser enthält, neue Impulse für das ökumenische Handeln vor Ort zu geben.
Die zur Nachahmung anregenden Beispiele stammen aus allen Konfessionen und verschiedenen Regionen Deutschlands. Sie sollen Lust machen auf neue Wege zur Einheit der Christenheit. So ist dieser Band ein Baukasten der Ökumene für alle christlichen Gemeinden, Verbände, Gruppen und Initiativen.*
Zu den AutorInnen gehört auch Ingrid Sieverding, Vorsitzende des Ökumenischen Eine-Welt-Kreises St. Nikolaus Wolbeck e.V. In ihrem Beitrag berichtet sie über den Weg des ÖWK St. Nikolaus in die ökumenische Zusammenarbeit, der nicht immer ohne Stolpersteine war. Mittlerweile ist der ökumenische Gedanke aus dem Kreis nicht mehr wegzudenken und alle Schwierigkeiten, die ein Umdenken mit sich bringen kann, sind aus dem Wege geräumt. Selbst die Frage – Wie kann ein so relativ kleiner Verein so viele unterschiedliche Projekte realisieren –, die nun ja nicht primär mit Ökumene zu tun hat, ist längst aus der Welt bzw. beantwortet. Es gibt genügend (auch junge) Mitglieder, die sich am Funken der Einen Welt entzünden lassen, um allen Projekten gerecht zu werden. Sie sind getragen von dem Satz des Vater unsers: „Unser tägliches Brot gib uns heute“, wobei das tägliche Brot immer neu zu interpretieren ist, wie dem Artikel zu entnehmen ist.
* Mit freundlicher Genehmigung vom Echter Verlag GmbH
"...so auch auf Erden; Ökumensich Handeln mit dem Vater unser" Herausgeber: Hans-Georg Hunstig, geb. 1949, Rechtsanwalt und Notar, Vorsitzender des Diözesankomitees im Erzbistum Paderborn, Mitglied des Diözesankomitees im Erzbistum Paderborn und der ZdK (Sprecher des Sachbereichs „Pastorale Grundfragen“), Berater der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz. / Dorothea Sattler, geb. 1961, Professorin für Ökumenische Theologie und Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Mitglied des Arbeitskreises „Pastorale Grundfragen“ des ZdK, Beraterin der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz.
Das Buch können Sie im örtlichen Buchhandel bestellen. (Echter-Verlag, Art.Nr.: 9783429031459/
15,00 €.)
In Zukunft wird es auch in der KÖB (Katholische öffentliche Bücherei) St. Nikolaus zur Ausleihe bereit liegen.
Den Beitrag von Ingrid Sieverding können Sie hier als pdf-Datei aufrufen: "Brüder und Schwestern in der Einen Welt." oder im Anschluss auch online lesen.
nach oben
Ingrid Sieverding
Beitrag zu dem Buch: „...so auch auf Erden“
Nmekorita, so heißt in der Sprache der Ibos (Nigeria) eine Partnerschaft mit Gesicht. Mit Nigeria fing alles an und die erste Begegnung fand in Wolbeck, einem Vorort von Münster / Westfalen statt: Ein nigerianischer Kaplan, ein nigerianischer Bischof und eine Gruppe von engagierten Katholiken, die etwas in der Einen Welt bewegen wollten. Und sie bewegten etwas. Zwischen 1990 und 2004 wurden im Südosten Nigerias, in der katholischen Diözese Umuahia, sechs Gesundheitsstationen im ländlichen Hinterland gebaut. Dem folgte der Bau einer Junior Secondary School in der Nachbardiözese Ahiara.
Der zunächst aus 15 Mitgliedern bestehende Kreis bewegte nicht nur etwas, sondern auch andere. Der Eine-Welt-Gedanke nahm in Wolbeck feste Konturen an und mittlerweile zählt der Verein 160 Mitglieder, Tendenz steigend.
Schon 2002 weiteten sich der Blickwinkel und die Blickrichtung. Ebenfalls in Folge einer persönlichen Begegnung kam es zu einem ersten Schulbauprojekt in dem kleinen Himalajadorf Bela in Nepal.
Es war nicht ganz einfach, die Mitglieder von der Zusammenarbeit mit einem nichtkatholischen und sogar nichtchristlichen Partner zu überzeugen. Es gab sogar klare Gegenstimmen, die aber schon lange verstummt sind. Es gab, wie bei Nigeria, Besuche und Gegenbesuche und die Nmekorita erweiterte sich zu einer „partnership with a human face“. Und immer stärker wurde der Glaube daran, dass sich in der Einen Welt etwas bewegen lässt, dass über alle kulturellen, ethnischen und religiösen Unterschiede, auch über alles Trennende hinweg eine gegenseitige Bereicherung möglich ist. Es geht nicht um den Hilfe Spendenden auf der einen Seite und den Hilfe Empfangenden auf der anderen Seite, den Almosengeber einerseits und den Almosenempfänger andererseits. Es geht auch nicht um eine erste, zweite oder dritte Welt. Vielmehr geht es einzig und allein nur darum, dass wir alle Kinder der Einen Welt sind, in der die Bitte des Vaterunsers „Unser tägliches Brot gib uns heute“ ernst gemeint ist und für alle gelten muss, wie auch immer das „tägliche Brot“ definiert werden kann. Es kann eine Schule sein, in der Kinder über Bildung die Chance bekommen, dem Teufelskreis der Armut zu entrinnen. Es kann eine Gesundheitsstation sein, in der Kinder vor einem zu frühen Tod bewahrt werden und in der Frauen betreut entbinden können. Es kann eine Biogasanlage sein, mit deren Hilfe geheizt und gekocht werden kann, mit deren Hilfe hygienische Toiletten möglich sind.
In Bela / Nepal erfreuen sich schon 180 Haushalte einer solchen Anlage und der Verein plant den Bau von weiteren 600 Anlagen in den umliegenden Dörfern.
Nachdem die engen Kreise der eigenen Konfession einmal überschritten waren, ging der Weg konsequent weiter. Irgendwann hatte irgendjemand den Gedanken: Warum arbeiten wir nicht mit der evangelischen Nachbargemeinde zusammen? Warum sollte die evangelische Christuskirche mit ihrem Indienprojekt nicht von unseren Möglichkeiten, Fördermittel über das Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit zu bekommen, profitieren?
Wolbeck ist ein Vorort mit z.T. noch ländlichen Strukturen, der tief im Katholizismus verwurzelt ist bzw. war. Der erste Umbruch vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als evangelische Flüchtlinge nach Wolbeck kamen. Der Weg zu ersten freundschaftlichen Begegnungen war nicht leicht. Es war die Zeit, in der evangelische Kinder nicht die richtigen Spielgefährten waren, in der von der Kanzel dazu aufgefordert wurde, nur eine katholische Partei zu wählen.
Aber schon 1948 stellte Graf von Merveldt, der katholische Hausherr des Wolbecker Drostenhofes, der wachsenden evangelischen Gemeinde einen Saal im Drostenhof für ihre Gottesdienste zur Verfügung, bis die Christuskirche in unmittelbarer Nachbarschaft der katholischen Kirche St. Nikolaus gebaut wurde, was jedoch noch nicht bedeutete, dass der ökumenische Funke unmittelbar zündete. Man war doch noch zu sehr katholisch und der Eine Gott war doch wohl eher katholisch, anders nicht denkbar.
Als uns 2003 der ökumenische Gedanke kam, hatten sich die Zeiten schon erheblich geändert. Trotzdem erschien die Idee, aus dem katholischen einen ökumenischen Verein zu machen, nicht für jeden unmittelbar nachvollziehbar. Schließlich ging es nicht nur um eine simple Satzungsänderung, sondern um eine erhebliche, wie manche meinten, Neu- und Umorientierung. Natürlich war jeder für Ökumene, aber musste diese denn so radikal praktiziert werden?
Und außerdem: Es ging nicht nur darum, mit der evangelischen Christusgemeinde zusammenzuarbeiten, sondern um den Projektpartner in Indien, der Pastor einer freikirchlichen evangelischen Gemeinde war und immer noch ist.
Auch hier löste eine persönliche Begegnung den Knoten. Pastor L. Gunasekaran überzeugte durch sein Charisma und sein Schlüsselwort: „Love“ und zwar bedingungslos für die Kinder seiner Heimat, für die verlassenen und verstoßenen Kinder und vor allem für die HIV-infizierten Kinder, die elternlos aufwachsen.
Auf der Mitgliederversammlung im Jahre 2004 wurde mit überwältigender Mehrheit aus dem Eine-Welt-Kreis St. Nikolaus Wolbeck e.V. der Ökumenische Eine-Welt-Kreis St. Nikolaus Wolbeck (ÖWK). Auf Wunsch der neu gewonnenen evangelischen Mitglieder blieb die Benennung „St. Nikolaus“ erhalten. Fünf Jahre danach ist der ökumenische Kreis eine Selbstverständlichkeit, genauso wie die ökumenische Zusammenarbeit in Wolbeck überhaupt.
Nach mehreren Kleinprojekten konnte im Juli 2008 ein multifunktionales Gebäude für aidskranke Kinder in Bangalore / Indien eingeweiht werden. Und die gemeinsame Arbeit ist noch lange nicht zu Ende, weder in Nigeria, noch in Nepal, noch in Indien. Die Partnerschaft hat mittlerweile viele Gesichter, die sich nicht nur in der Hautfarbe unterscheiden. Aber die Basis unserer Arbeit bleibt die gleiche: Gemeinsam können wir die Welt bewegen.
2008 wurde eine Partnerschaftsvereinbarung zwischen den beiden Gemeinden Wolbecks unterzeichnet, in der es u.a. heißt: „Unser soziales und politisches Handeln basiert auf der christlichen Nächstenliebe. Es zielt auf … die Versöhnung zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Völker und Religionen.“ Das ist gelebte Ökumene.
Ingrid Sieverding/
Erste Vorsitzende des ÖWK St. Nikolaus Wolbeck e.V.